Werte Gäste, treten Sie ein, treten Sie näher, nehmen Sie Platz, sammeln Sie sich wie die Motten um den funkelnden Projektor, der die Sonne kreisen lässt und auch die Sterne, die verglühen. Ist das nicht wunderbar? Dieser Raum erinnert sich daran, dass er einmal ein Kino war, wo silbrig glitzernde Traumgestalten umgingen, nackt bis auf die Dunkelheit, in der sie verschwanden. Führen Sie nicht Klage darüber! Was ewig währt, kann man immer haben, was man immer haben kann, wird nicht kostbar sein. Genießen Sie also in diesem alten Kino für die nächsten siebzig Minuten den unabwendbaren Verlust Ihrer Augen. Am Ende des sechsten Tages, im Herzen der Nacht, die den siebenten Tag gebiert, lesen wir für Sie heute den verloren geglaubten vierten Teil der Divina Commedia, mit dem Titel DELIRIO. Eine einzige Abschrift davon hat im tiefsten Keller des Dantezentrums Pest und Krieg überdauert. Aber wir waren nicht die einzigen, die danach suchten … Umberto Eco und Helmut Qualtinger haben mehrere Mönche vergiftet, um zu verhindern, dass wir an den Text gelangen. DELIRIO erzählt die Geschichte vor einem Publikum von Gespenstern und Abgeschiedenen, von Eingeweihten und Habitués. Es setzt eine Kenntnis der Personen und des Lokals, eine Vertrautheit mit jenseitigen Einrichtungen voraus. Ein Schüttkasten z. B. ist ein Raum, in dem man Getreide aufbewahrt für den Winter und die nächste Saat. Aber im Jenseits findet die irdische Zeitrechnung nicht statt. Stattdessen geschieht alles auf einmal, Blüte, Reife und Ernte, INFERNO, PURGATORIO und PARADISO. In dem Maße, in dem sich das Grauen verstärkt, verstärkt sich also auch das Lachen.
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Julius Handl, Sandro Huber, Regina Menke, Maximilian Scheffold




