14. - 17. Oktober 2021             

Wien / Retz (NÖ)

"Was immer am Wort ist". Zeitgenössische Dichtung im Dialog mit Dante Alighieris Commedia

göttliche komödie

Beginnen Sie
mit dem titel?
fast nie, diesmal aber schon.
es ist ein schwerer titel
oder vielleicht
erst schwer und dann leicht
er reicht um die ganze europäische literatur

Ernst Jandl

Mit der „Kunst der Wiederkehr", die er im 10. Gesang seiner 'Hölle'  so unnachahmlich beschwört, hat der Bürger Dante Alighieri zeitlebens kein Glück gehabt. Niemals durfte er, nach seiner Verbannung aus Florenz im Jahr 1302, seine Heimatstadt wieder betreten. Als Autor und Spracherneuerer jedoch hat er, der sein in italienischer Volkssprache verfasstes Hauptwerk noch kurz vor seinem Tod in Ravenna am 14. September 1321 vollenden konnte, über die Jahrhunderte schon unzählige Renaissancen erlebt.

Im Juni 2019 fand in Mürzzuschlag und Neuberg an der Mürz die Tagung „Tu se' lo mio maestro e 'l mio autore. Von Dante lernen“ statt, die sich im Vertrauen auf das fruchtbare Miteinander von Dichterinnen und Wissenschaftlerinnen zum Ziel gesetzt hatte, das Nachleben Dante Alighieris und der Commedia (1307-1320) in der Gegenwartsdichtung neu zu beleuchten. Nun, um viele Terzinen reicher und durch eine kalendarische Fügung im Jubiläumsjahr der Göttlichen Komödie gelandet, wollen wir das Begonnene fortführen und dem Grundlagentext einer europäisch-literarischen Identität in einer Mischform aus Festival, Klausur und Convivium neue Akzente abgewinnen.

Dabei müssen wir uns nicht, wie der Pilger in der Mitte seines Lebens, zwischen einem „wahren“ und einem „falschen“ Weg entscheiden. Mit seinem weltbewegenden Himmel-und-Hölle-Spiel hat Dante seinen Nachgeborenen eine komplexe Versuchsanordnung hinterlassen, die das (sprach)künstlerische Denken bis in unsere Zeit vor unerhörte Aufgaben stellt.

Was sich vom hoch gesteckten Anspruch der Commedia übertragen und was in anderen Konstellationen zurückerstatten lässt, welche grundstürzenden Aspekte der „Denkmalpflege“ dabei bedacht werden müssen, rückt nun, zum 700. Todestag des Dichters, mehr denn je ins Zentrum der Debatte. Denn als Klassiker ist Dante ebenso Unruhestifter wie Schutzgeist und sein der katholischen Dogmatik verpflichtetes Langgedicht eine nicht enden wollende Fundgrube expressiver Möglichkeiten. „Dolce stil novo“ und Provenzalisch, Kirchenlatein und Vergil'sche Epen, Dialekte und idiomatische Lauschangriffe; „Sermo humilis“ und „sermo sublimis“, Latein und „volgare“, lyrisch und episch, irdisch und himmlisch, menschlich und göttlich schießen in der Commedia zusammen. So gelingt es dem Dichter einerseits, poetischen Ausdruck aus Sprachen zu destillieren, andererseits bleibt die mehrheitsfähige Sprache stets für die Erfahrung der Mündlichkeit durchlässig. Literarische Gestaltgebung und Bestätigung eines noch unvordenklichen Idioms erweisen sich als zwei Seiten einer Medaille.

Es ist fast eine Ironie der Geschichte, dass gerade das Werk eines Entwurzelten den Grundstein für 700 Jahre europäischer Poesiegeschichte legte. Den sozialen Konflikten seiner unruhigen Zeit war Dante als Mensch und Politiker in höchstem Grade ausgesetzt, die Erfahrung des Exils, die ihn einerseits mit neuen Idiomen konfrontierte, andererseits auf die Idiomatik seiner Herkunft zurückwarf, bedeutete auch eine Kurskorrektur für sein poetisches Denken. Aus dieser erzwungenen Erschütterung des Wirklichkeitsbezuges heraus, stellte er das Bündnis mit der Sprache vom Kopf auf die Füße und stiftete eine bis heute gültige Metapher für die schöpferische Kondition tout court.

Solcherart suchend und forschend, von einer Vision geleitet und beflügelt von einer Mission, hat Dante sein großes Gedicht auf den Weg gebracht; die Kraft des verbalen Widerstands ist in jedem seiner Winkelzüge zu spüren. Und wenn die historischen Spuren des Dichters sich vielfach hinter Spekulationen verlieren, liegt der Pfad, den er mit seinem Wort-für-Wort bereitet hat, doch wie unberührt da und lädt dazu ein, noch einmal begangen zu werden: Mit Dante, zu Dante, und über Dante hinaus.

Beginnen wir mit dem Titel...

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1. Station: Wien

 

14.10.2021

Italienisches Kulturinstitut Wien, Ungargasse 43, 1030 Wien

Dante – „Fantasie di avvicinamento"

Eine Annäherung in drei Schritten

18h

Proemium

Begrüßung: Stefano Beltrame, designierter Botschafter Italiens in Österreich

Grußworte: Fabrizio Iurlano, Leiter des Italienischen Kulturinstituts Wien 

Einleitung, Ausblick: Theresia Prammer (Kuratorin)

Moritz Rauchhaus und Tobias Roth: „Dieser Dichter hatte… ein lückenloses Gedächtnis“. Der Beginn des Dantekultes

Lesung und Gespräch

 

20h

„A te Dna della poesia“. Dante e la poesia contemporanea

Gianni d’Elia: „Cosa che disvia per maraviglia“. La poesia in Dante tra suono e apparizione

Roberto Galaverni (Corriere della Sera) dialoga con Gianni d’Elia e Valerio Magrelli

 

„E vidimi traslato“ (Par. XIV). Dante, neu übersetzt

Sonja vom Brocke (Inf. XXV), Michael Donhauser (Purg. XVII), Norbert Lange (Par. I) und Tobias Roth (Inf. IV)

 

Beschränkte Platzanzahl. Anmeldung erforderlich unter: eventi.iicvienna@esteri.it 

15.10.2021

Italienisches Kulturinstitut Wien

 

9.30h – 12.30h

„Ricorditi, ricorditi!“ (Purg. XXVII)*

Memoria-Workshop mit Roberto Galaverni (Ital.)

Beschränkte Platzanzahl. Anmeldung erforderlich: eventi.iicvienna@esteri.it 

15.10.2021

Kuffner-Sternwarte, Johann Staud-Straße 10, 1160 Wien

15.00h

„Il vocabol de la stella"

Paradiso-Konstellationen

 

Vorträge

Thomas Schestag: Armes Lesen

Franz Josef Czernin: Dante-Verwandlungen

Helena Winkelman: Jenseits der Sprache. Eine musikalische Annäherung an den letzten Canto des Paradiso

 

15.10.2021

Kuffner-Sternwarte

19h

 

Lesungen /  Film

Franz Josef Czernin: Paradiso XXXIII

Thomas Schestag: Francis Ponge: Le soleil / Die Sonne (Matthes & Seitz, 2020)

Jean-Marie Straub: O somma luce (18 min, 2009)

Beschränkte Platzanzahl. Anmeldung erforderlich unter: eventi.iicvienna@esteri.it  

2. Station: Retz (NÖ)

 

16. 10. 2021

14h

Dominikanerkonvent, Klostergasse 37, 2070 Retz

„differente- / mente danzando“ (Par. XXIV)**

Workshop zur Terzine mit Federico Italiano (Dt. / Ital.)

Beschränkte Platzanzahl. Anmeldung erforderlich: anmeldung.lecturadantis@gmail.com

 

19h

Kunsthaus Schüttkasten Retz, Pfarrgasse 9, 2070 Retz

„Von der Mitte zum Kreis und vom Kreis zur Mitte”.

Vorstellung des „Dante-Zentrums für Poesie und Poetik“

Zweisprachige Lesung aus Dantes „Göttlicher Komödie“(mit Franz Josef Czernin, Federico Italiano und Theresia Prammer)

 

17.10.2021

9h 

Kunsthaus Schüttkasten Retz

Vorträge 

Sonja vom Brocke: Mutare e trasmutare

Norbert Lange: Rapimur Ruptura. So versagt doch die Sprache 

Franz Josef Czernin: Paradiso I

 

12h

„Par di lungi un molin che ‘l vento gira” (Inf. XXXIV)

Aufstieg zur Retzer Windmühle

14h - 17h

Dominikanerkonvent

Workshop „Illuminar“ (Purg. XI)***

Beschränkte Platzanzahl. Anmeldung erforderlich: anmeldung.lecturadantis@gmail.com

17.30h

Kunsthaus Schüttkasten Retz

Lesungen

Monika Rinck: Wer Haus sagt

Michael Donhauser: Venedig : Oktober. Gedichte (Edition Böttger, 2021)

Esther Kinsky: FlussLand Tagliamento (Edition Thanhäuser, 2020)

 

Aperitiv

 

20.30h

Kunsthaus Schüttkasten Retz

Dante-Varieté

Mit Bodo Hell, Paul Henri Campbell, Esther Kinsky, Monika Rinck, Ferdinand Schmatz u.a.

Eine Veranstaltung des Dante-Zentrums für Poesie und Poetik, in Zusammenarbeit mit dem Italienischen Kulturinstitut Wien

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„Was immer am Wort ist , ob latent, ob manifest, es ist beides: Rekapitulation und Prophetie" (Franz Josef Czernin)

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* Workshop: „Memoria“

 
"Da ogni punto di vista l'idea della memoria è decisiva nella Divina Commedia. È decisiva sia nella sua concezione (Dante fa continuamente appello alle capacità e ai limiti della proprio memoria), è decisiva anche per la concezione della terzina, un metro inventato da Dante stesso che per eccellenza mette in rapporto l'avanzamento del racconto con la conservazione dell'esperienza passata, ma decisiva anche per la memorabilità stessa del discorso poetico, che per la sua natura/vocazione didascalica richiede esplicitamente al lettore di fare propria, e dunque di memorizzare anche dal punto di vista poetico le diverse tappe, o comunque gli episodi e gli snodi fondamentali attraverso i quali si dipana il poema. All'interno del workhop, pertanto, si proporrà anche lo studio a memoria di alcuni versi o qualche passo della Commedia.  // Die Idee der „Memoria“ ist für Dantes Commedia aus einer Vielzahl von Gesichtspunkten grundlegend. Allem voran ist sie es für die Konzeption des Gedichts, ist doch an ihre Fähigkeiten und Grenzen die Möglichkeit des Jenseitsberichts selber geknüpft. Doch fundamental ist die „Memoria“ auch für die Versform der Terzine, bei der dem unaufhörlichen Voranschreiten der Erzählung auf der einen Seite die Sammlung und Bewahrung vergangener Erfahrung auf der anderen Seite entspricht. Daneben verweist die „Memoria“ jedoch auch auf eine besondere Gabe, die Dante in der Commedia gerade in Hinblick auf ihre lehrhafte und pädagogische Vokation von den Leser*innen verlangt. Denn er rechnet mit ihrer Bereitschaft, das Gedicht in sich aufzunehmen, sprich, es in seinen diversen Etappen und Verwicklungen nachzuvollziehen. Nicht zuletzt darum scheint Dante die Erinnerbarkeit der eigenen poetischen Rede zum Äußersten zu treiben: damit der Leser sie zu seinem Vermächtnis mache. Neben der Reflexion über den Begriff der Erinnerung und Erinnerbarkeit wird im „Memoria“-Workshop auch das praktische Studium (Auswendiglernen) einiger Verse oder Abschnitte der Commedia eine Rolle spielen.


Leitung: Roberto Galaverni

anmeldung.lecturadantis@gmail.com

** Workshop: „Terzine“


Der vom Dichter und Literaturwissenschaftler Federico Italiano geleitete Workshop konzentriert sich auf Dantes „terzina“, die in den Betrachtungen über die „Göttliche Komödie“ -- die immer mehr dazu neigen, den Dante-Erzähler dem Dante-Dichter vorzuziehen -- allzu oft in den Hintergrund tritt. Aber auch Vieles an Dantes Erzählung bliebe unverständlich, wenn nicht von ihrer Struktur und metrischen Form, von der „terza rima“, dem eigentlichen Motor der „Göttlichen Komödie“ ausgegangen wird. Nach einer Einführung in Dantes Terzine wird sich der Workshop in zwei Phasen gliedern: Im ersten Teil werden exemplarische Terzinen der Göttlichen Komödie auf Italienisch und in deutscher Übersetzung gemeinsam gelesen und kommentiert; im zweiten Teil werden die TeilnehmerInnen in kleinen Gruppen eine Passage aus der „Göttlichen Komödie“ ins Deutsche übersetzen, wobei der Schwerpunkt der Version auf Metrum, Rhythmus und Reim liegen wird.

Leitung: Federico Italiano

anmeldung.lecturadantis@gmail.com


*** Workshop: „Illuminar“

Beim Versuch, die Dichtung Dantes an zeitgenössische Schreibweisen heranzuführen, sollte jene Kulturtechnik nicht vergessen werden, von der die Rezeption des Weltgedichts vor allem in ihren Anfängen entscheidend geprägt war. Gemeint ist die mönchische Tätigkeit des Abschreibens, die es im Jubiläumsjahr der Commedia sowohl methodisch zu erforschen als auch buchstäblich zu beleben gilt, um in Tuchfühlung mit dem Dante'schen Gedicht-Kosmos zu treten. Welche ästhetischen Kriterien für einen Kodex der "Göttlichen Komödie" im 21. Jahrhundert in Frage kommen, welche mentalen und poetologischen Mechanismen dabei wirksam werden und inwieweit das fingerfertige Handwerk des Abschreibens dem Druck des Digitalen standhält, wird sich im Feldversuch zeigen. Unser Scriptorium ist offen für alle Interessierten; Italienischkenntnisse sind nicht zwingend vonnöten. Umso mehr die Freude am Umgang mit Formen, Farben, Materialien, Schreibstift, Tusche und Papier.

Federführung: Dante-Zentrum Retz

anmeldung.lecturadantis@gmail.com


"Oh", sagt ich ihm, "bist du nicht Oderisi, / der Ruhm von Gubbio und jener Kunst, / die in Paris Illuminieren heißt?" / "Ach Bruder", sprach er, "frischer lachen jetzt / des Franco von Bologna Pinselkünste." (Purg, XI, 79-81, Karl Vossler).